Zusammenarbeit

Erfolgreich mit multikulturellen Teams

Geschrieben von
Cornelia Kirschke
|
6.1.2023
Multikulturellen Teams erfolgreich machen
Die international tätige Beraterin Stefanie Hilger verrät die Erfolgsfaktoren ihrer Arbeit mit multikulturellen Teams
Psychologin Stefanie Hilger ist auf Persönlichkeitsentwicklung spezialisiert und ID37 Master der ersten Stunde. Als international tätige Beraterin und Executive Coach kennt sie die Vielfalt von Menschen, ihre unterschiedlichen Hintergründe, Kulturen und Arbeitsweisen sehr gut. Stefanie hat selbst in China, den USA, Frankreich, Spanien und Ländern mit arabischer Kultur gelebt und gearbeitet. Diese Erfahrungen in Kombination mit ihrem Psychologiestudium machen sie zu einer gefragten Beraterin. Sie weiß, wie man multikulturelle Vielfalt in einem Team nutzen kann.  

Stefanie, was macht ein multikulturelles Team aus?

Es gibt mehr Vielfalt, individuell und kulturell. Die individuelle Vielfalt (Variabilität) mache ich mit dem ID37 Persönlichkeitsprofil sichtbar. Die kulturelle Vielfalt ist erworben und erlernt. Sie zeigt sich in kulturellen Normen, Ritualen und in der Sprache. Diese individuelle und kulturelle Vielfalt beeinflusst das Miteinander in multikulturellen Teams.

Wie äußern sich kulturelle Normen im Team?

Die Grenzen, wann Verhalten als unhöflich empfunden wird, sind individuell. Wenn dann noch die Kultur hinzukommt, kommt es zu Missverständnissen. Ich habe mehrere multinationale Teams (z.B. deutsch-französisch) begleitet. Die gegenseitige Wahrnehmung war zu Beginn: Deutsche Teammitglieder sind „unhöflich“ und die Franzosen kommen „nicht auf den Punkt“. Es hat Spaß gemacht, die kulturellen Unterschiede und Erwartungen sichtbar zu machen, Teamgeist zu wecken und gemeinsames Lachen in die Teams zu bringen.

Lassen sich kulturell bedingte Missverständnisse vermeiden?  

Ja, weitgehend. Wichtig für alle Teammitglieder ist es zu verstehen, dass es keine absoluten guten oder schlechten Verhaltensweisen gibt. Wir haben verschiedene Hintergründe, die uns prägen. Wie bei unserem individuellen Persönlichkeitsprofil. Die einen sind entscheidungsfreudig, die anderen nicht. Die einen sind extrovertiert, die anderen nicht. Alles hat seine Berechtigung. Unsere Wachstumschance besteht darin, nicht auf Basis des eigenen Wertesystems zu werten. Das strengt manchmal an, aber wenn sich der Knoten löst, ist das Miteinander richtig gut.

Ich bin zurzeit viel in Spanien und liebe die hier gelebten Werte von Höflichkeit, Respekt und Herzlichkeit. Diese Werte zeigen sich in allen Momenten. In Spanien nimmt man sich überall Zeit, Dinge in Ruhe zu besprechen. Man hat hier ein hohes Interesse daran, einander kennen zu lernen. Auch bei geschäftlichen Meetings möchte man etwas über den Menschen persönlich erfahren. Es gibt hier weniger feste Kästchen, sondern man geht mit dem Flow des Moments, da wird Integration sehr selbstverständlich gelebt

Wie arbeitest du mit multikulturellen Teams?

Ich arbeite an der Art und Intensität der Kommunikation. Ein fester Bestandteil meiner Arbeit mit multikulturellen Teams sind die Themen Feedback und Kritik. Mit unserer deutschen Ingenieurskultur sind wir sehr klar in unseren Ansagen, was geht und was nicht. Das ist in anderen Kulturen undenkbar: Mit einer direkten Konfrontation stößt man Kolleg:innen aus anderen Kulturkreisen vor den Kopf. Wir können jedoch klar und wertschätzend sein und damit neue Brücken bauen.

Den größten Vorteil von multikulturellen Teams sehe ich für die Teammitglieder selbst. Sie entwickeln ihre Persönlichkeit.

Welches sind die größten Herausforderungen für multikulturelle Teams?

Die Herausforderungen liegen in der Nicht-Kommunikation. Es werden implizit Annahmen getroffen, aber über die Eindrücke spricht niemand. Besonders diejenigen, die sich bislang vorwiegend im eigenen kulturellen Raum bewegt haben, müssen ihre Gedanken und Empfindungen erst einmal bewusst machen und dann aussprechen. Wenn wir über unsere Eindrücke sprechen, hilft das in der Zusammenarbeit sehr. Viele junge Menschen haben im Ausland studiert und sind sich der kulturellen Unterschiede bewusst. Ihnen fällt es schnell auf, wenn dieses Thema in einem Unternehmen noch nicht bewusst gemacht wurde.

Wie genau gehst du vor, um Vorurteile zu minimieren?

Indem ich Erfahrungen und Wissen teile. Vorurteile und Fremdes lassen sich aufbrechen, wenn man die Kultur versteht. Zwei Beispiele dazu:

  • Ich habe eine Zeitlang auf den Malediven gelebt. Dort – wie im gesamten arabischen Kulturkreis – ist es normal, dass Männer Hand in Hand durch die Straßen gehen. Es ist ein sichtbares Zeichen für Vertrauen, das auf die Nomaden zurückgeht. Ganze Familienstämme waren davon abhängig, ob die Person an der Seite „Freund oder Feind“ ist. Dieses Wissen hilft, diese Geste richtig zu deuten. Und es hilft zu verstehen, dass diese Geste zwischen Mann und Frau etwas anderes ist. Auf den Malediven ist dies im öffentlichen Raum untersagt.
  • Das Vorurteil, Chinesen würden geistiges Eigentum stehlen. Das ist unsere westliche Interpretation. In China ist geistiges Wissen kollektives Eigentum. China hat eine gemeinschaftsorientierte Kultur. Wenn ich das verstehe, muss ich mich nicht darüber erzürnen, sondern kann mein Verhalten anpassen.

Ich teile Wissen sehr gerne anhand konkreter Geschichten. Es mag nach Stereotypen klingen, aber es macht Vieles anschaulich. Workshops zur multikulturellen Zusammenarbeit werden weiter viel nachgefragt und sind ein wichtiger Teil meiner Arbeit.

Welches sind die größten Vorteile von multikulturellen Teams?

Den größten Vorteil von multikulturellen Teams sehe ich für die Teammitglieder selbst. Sie entwickeln ihre Persönlichkeit. Sie erfahren viel über sich und ihr kulturelles Wertesystem. Oft stellt sich zu Beginn in interkulturellen Teams ein Gefühl der Fremdheit ein. Dieses Empfinden ist eine Einladung, sich mit dem eigenen Hintergrund auseinanderzusetzen und zu verstehen, dass er veränderbar ist. Ich kann mich entscheiden, ob mein kultureller Rahmen für mich als Individuum passt oder nicht. Um es zu bewerten, muss ich es aber erst erleben.

Ich selbst schätze die spanische Kultur überaus und bringe gleichzeitig meine deutschen Werte (Verlässlichkeit, Qualität) bewusst mit. So verstehe ich Diversity: Man integriert sich in die Gruppe und zeigt sich auch individuell.

Vielen Dank, Stefanie.

Coach und Seminarleiterin für interkulturelle Zusammenarbeit

Stefanie Hilger steht Teams und Führungskräften als Coach und ID37 Master zur Verfügung. Hier Kontakt aufnehmen: ID37 - Master: Stefanie Hilger

Diversity ganzheitlich im Unternehmen fördern

Wer im eigenen Unternehmen prüfen möchte, wie es um Diversity und das vielfaltsbewusste Mindset bestellt ist und Vielfaltsbewusstsein nachhaltig verankern möchte, kann dies über das ID37 Zertifizierungsprogramm go:diversity tun.

Teaserbild by Jason Goodman on Unsplash

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